Überblick: Ein dichter Monat für den Digital Product Passport
Der Juni 2026 hat mehrere parallele Entwicklungsstränge rund um den Digital Product Passport zusammengeführt: Der JRC legte einen konkreten Datenentwurf für Stahlprodukte vor, Minespider veröffentlichte einen umfassenden Implementierungsbericht zur Batterieverordnung, und Driscoll's demonstrierte auf der GS1 Connect 2026, wie Serialisierung in der Lebensmittellogistik in der Praxis funktioniert. Gleichzeitig eröffnete die Europäische Kommission Vertragsverletzungsverfahren gegen 20 Mitgliedstaaten wegen mangelhafter Umsetzung der Empco-Richtlinie. Die Signale verdichten sich: Die regulatorische Uhr läuft, und die Lücke zwischen politischem Anspruch und industrieller Realität bleibt erheblich.
Stahl: JRC-Entwurf definiert Datengranularität und PCF-Methodik
Chargenebene als Pflichtarchitektur
Das Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission hat seinen Entwurf für DPP-Datenanforderungen bei Eisen- und Stahlzwischenprodukten veröffentlicht. Der Entwurf unterscheidet systematisch zwischen zwei Datengranularitäten: Chargenebene (Lot) und Produktebene (Item). Diese Unterscheidung ist keine technische Fußnote, sondern eine Architekturentscheidung mit weitreichenden Konsequenzen für ERP-Systeme und Datenmodelle.
Besonders relevant: Der produktspezifische CO₂-Fußabdruck (PCF) wird nach dem JRC-Entwurf auf Chargenebene gepflegt und muss mit ISO-14067-kompatiblen Methoden berechnet werden. Das bedeutet, dass Stahlhersteller nicht nur einen generischen Unternehmens-CO₂-Wert ausweisen können — sie müssen den PCF für jede Charge separat dokumentieren und aktuell halten.
Was „aktuelle Informationen" wirklich bedeuten
Die ESPR-Verordnung (EU) 2024/1781 schreibt vor, dass der DPP „aktuelle und genaue Informationen" enthalten muss, ohne eine explizite Update-Frequenz zu nennen. Im Stahlkontext heißt das konkret: Sobald eine neue Charge produziert wird, muss ein neuer oder aktualisierter Passateneintrag entstehen. Wer mit statischen Produktdatenblättern arbeitet, wird diesen Anforderungen strukturell nicht gerecht.
Die Europäische Kommission hat parallel eine öffentliche Konsultation zu Ecodesign-Anforderungen für Stahl eröffnet, in der Kreislauffähigkeit, Recyclingquoten und Niedrigemissionsstahl adressiert werden. Stakeholder haben bis Herbst 2026 Zeit, Feedback einzureichen.
Batterien: Implementierungsbericht zeigt systemische Lücken
Pflichtdatum Februar 2027 rückt näher
Minespider hat seinen „Digital Battery Passport Implementation Report 2026" veröffentlicht — eine der bislang umfassendsten Branchenanalysen zum Stand der Umsetzung der Batterieverordnung (EU) 2023/1542. Das Fazit ist ernüchternd: Datenfragmentierung und fehlende Prozesse für dynamische Datenaktualisierungen sind die meistgenannten Hindernisse.
Die Batterieverordnung kennt die Lot/Item-Unterscheidung implizit bereits: Kapazitätsdaten, die sich durch Degradation verändern, müssen aktuell gehalten werden. Ein Batterie-DPP ist damit kein Einmal-Dokument, sondern ein lebender Datensatz, der über den gesamten Produktlebenszyklus gepflegt werden muss — eine Anforderung, die ohne klare Systemarchitektur kaum erfüllbar ist.
Datenfragmentierung als Kernproblem
Der Minespider-Bericht identifiziert drei strukturelle Schwachstellen:
- Fehlende Upstream-Daten: Rohstofflieferanten liefern Nachhaltigkeitsdaten in inkonsistenten Formaten oder gar nicht.
- Keine API-Standardisierung: Unterschiedliche Systeme entlang der Lieferkette sprechen keine gemeinsame Sprache.
- Unklare Verantwortlichkeiten: Wer pflegt den DPP nach dem Erstverkauf weiter — Hersteller, Importeur oder Betreiber?
Das Pflichtdatum für den digitalen Batteriepass ist der 18. Februar 2027. Für Hersteller, die heute noch keine Datenpipeline aufgebaut haben, bleibt wenig Zeit.
GS1-Piloten: Driscoll's serialisiert eine Milliarde Beeren-Schalen
Item-Level-Traceability in der Praxis
Auf der GS1 Connect 2026 präsentierte Driscoll's ein Projekt, das die Skalierbarkeit von Serialisierungsansätzen eindrücklich demonstriert: Das Unternehmen hat über eine Milliarde Berry-Clamshells mit eindeutigen Identitäten versehen und migriert aktuell auf vollständig GS1 Digital Link-konforme QR-Codes. Das Projekt schließt die Rückkopplungsschleife zwischen Konsumentenbeschwerde und Farmcharge — eine Anforderung, die in regulierten Sektoren wie Stahl oder Batterien analog gilt.
Technisch relevant: TEKLYNX hat seine CODESOFT-Software aktualisiert und unterstützt nun GS1-„++"-Kodierungsschemata, mit denen Web-URLs direkt in RAIN-RFID-Tag-Speicher geschrieben werden können — eine Anforderung aus der Kombination von EN 18220 und dem GS1 Digital Link-Standard. Das zeigt: Die Toolchain für skalierbare Serialisierung existiert, sie muss aber bewusst eingesetzt werden.
Was der GS1 Digital Link für DPP-Architektur bedeutet
Das CIRPASS-2-Konsortium hat in seiner Stellungnahme zum Registry-Entwurf empfohlen, die Norm EN 18219 als verbindliche Referenz in die Durchführungsverordnung aufzunehmen — unter anderem, um die Interoperabilität mit dem GS1 Digital Link sicherzustellen. Die Registry selbst speichert dabei ausschließlich den eindeutigen Identifier, den Resolver-Endpunkt und den Warencode — nicht die eigentlichen Passdaten. Die Passdaten liegen beim Hersteller oder einem autorisierten Datendienst.
Ein minimales Beispiel für eine GS1 Digital Link-konforme URL, wie sie in einem QR-Code auf einer Produktverpackung stehen könnte:
https://id.example.com/01/04012345678901/10/LOT2026A/21/SN00042
Dabei kodieren die Segmente:
01→ GTIN10→ Lotnummer21→ Seriennummer
Diese Struktur ist maschinenlesbar, resolver-kompatibel und erlaubt es, auf Chargenbasis unterschiedliche DPP-Endpunkte auszuliefern.
Regulatorisches Umfeld: Greenwashing und EmpCo-Richtlinie
Die Europäische Kommission hat Vertragsverletzungsverfahren gegen 20 Mitgliedstaaten eingeleitet, weil diese die Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel (EU) 2024/825 nicht vollständig in nationales Recht umgesetzt haben. Die Richtlinie verbietet irreführende Umweltaussagen und verpflichtet Hersteller, Informationen zu Haltbarkeit und Reparierbarkeit klar auszuweisen.
Der Zusammenhang mit dem DPP ist direkt: Wer im DPP Nachhaltigkeitsdaten ausweist, die nicht methodisch belegt sind, riskiert nicht nur Compliance-Verstöße nach ESPR, sondern auch Greenwashing-Vorwürfe nach der EmpCo-Richtlinie. Die Anforderung an „aktuelle und genaue Informationen" im DPP ist damit zugleich eine Anforderung an Datenqualität und Nachweisbarkeit.
Ecommerce Europe hat in einem Positionspapier gefordert, dass die Europäische Kommission flexible Datengranularität beibehält und einen stufenweisen Rollout ermöglicht. Die Gruppe betont, dass bestehende Geschäftsprozesse als Ausgangspunkt dienen müssen — ein Plädoyer für Pragmatismus, das die Spannungsfelder der Implementierung gut beschreibt.
Fazit: Architekturentscheidungen treffen jetzt
Die Entwicklungen im Juni 2026 zeigen ein konsistentes Muster: Die regulatorischen Anforderungen werden konkreter, die technischen Standards konvergieren, und erste Piloten beweisen die Machbarkeit. Was fehlt, ist die breite industrielle Umsetzung.
Für Hersteller in regulierten Sektoren — Stahl, Batterien, Textilien — ergeben sich daraus drei unmittelbare Handlungsfelder:
- Datengranularität klären: Werden Daten auf Produkt-, Chargen- oder Seriennummernebene gepflegt? Diese Entscheidung bestimmt die gesamte Backend-Architektur.
- Resolver-Infrastruktur aufbauen: Die DPP-Registry speichert nur den Zeiger — die eigentlichen Daten müssen über einen stabilen, öffentlich erreichbaren Endpunkt ausgeliefert werden.
- Dynamische Updates einplanen: Statische Datenblätter erfüllen die ESPR-Anforderung an Aktualität nicht. Wer heute ein DPP-System aufbaut, muss Update-Workflows von Anfang an mitdenken.
Der Februar 2027 für Batterien ist das nächste harte Datum. Die Stahl-Konsultation läuft bis Herbst 2026. Die Zeit für konzeptionelle Diskussionen ist vorbei — jetzt sind Implementierungsentscheidungen gefragt.
Quellen
- Study on DPP content for iron and steel products under ESPR - Circular Economy: Environmental and Waste Management
- Digital Battery Passport Implementation Report 2026: Industry Perspectives on EU Compliance — Minespider (2026)
- Live at GS1: Driscoll's Gives a Billion Berry Clamshells Unique Identities — Packaging World (GS1 Connect 2026)
- Commission takes action to ensure complete and timely transposition of EU directives
- Regulation (EU) 2024/1781 of the European Parliament and of the Council of 13 June 2024 establishing a framework for the setting of ecodesign requirements for sustainable products
- Ecodesign requirements for iron and steel products — European Commission public consultation (2026)
- Regulation (EU) 2023/1542 of the European Parliament and of the Council of 12 July 2023 on batteries and waste batteries
- TEKLYNX Releases New CODESOFT RAIN RFID Enhancements to Improve RFID Labeling — TEKLYNX (2026)
- Ecommerce Europe publishes recommendations for a successful DPP implementation